Ein Erklärvideo ohne Konflikt ist wie ein Motor ohne Zündung. Es läuft vielleicht, aber es bewegt nichts. Die dramaturgische Kernfrage lautet nicht, ob du ein Problem zeigst, sondern wie du es inszenierst – und wann du die Erlösung lieferst. Denn im Spannungsfeld zwischen Störung und Auflösung entscheidet sich, ob dein Video vergessen wird oder haften bleibt.
Warum Konflikte die Architektur guter Geschichten sind
Konflikte sind keine Störfaktoren, sondern strukturgebende Elemente. Sie schaffen den Unterschied zwischen neutraler Information und emotional aufgeladenem Erleben. Während klassische Unternehmenskommunikation häufig mit Lösungen beginnt, setzt ein gut inszeniertes Erklärvideo auf den umgekehrten Weg: Es zeigt zunächst das Ungleichgewicht, die Reibung, den Mangel. Erst dadurch entsteht Relevanz. Der Zuschauer erkennt sich selbst im Problem wieder – und bleibt, weil er die Auflösung erwartet.
In der Kunst des Geschichtenerzählens wird dieser Mechanismus seit Jahrhunderten genutzt. Die Heldenreise beginnt nie im Triumph, sondern in der Krise. Auch im Videomarketing gilt: Wer keine Spannung aufbaut, verschenkt Aufmerksamkeit. Konflikte sorgen dafür, dass der Zuschauer sich fragt: „Wie geht das aus?" – und genau diese Frage bindet ihn an dein Video.
Der Konflikt als emotionaler Anker
Menschen reagieren auf Probleme stärker als auf Perfektion. Neuropsychologisch betrachtet aktiviert ein Konflikt das limbische System – jenen Teil des Gehirns, der für Emotionen und Entscheidungen zuständig ist. Ein Video, das direkt mit der Lösung startet, umgeht diesen Mechanismus. Es wirkt distanziert, sachlich, irrelevant.
Ein präzise formulierter Konflikt dagegen erzeugt identifikatorische Nähe. Der Betrachter denkt: „Genau das ist mein Problem." In diesem Moment wird aus einem passiven Zuschauer ein aktiver Teilnehmer. Die Lösung, die du anbietest, ist dann keine abstrakte Dienstleistung mehr, sondern die Antwort auf eine dringende Frage. Im Storytelling im Marketing wird dieser Ansatz konsequent verfolgt, um Botschaften emotional zu verankern.
Dramaturgie: Vom Problem zum Wendepunkt
Die klassische Drei-Akt-Struktur aus dem Film funktioniert auch im Erklärvideo. Erster Akt: Die Ausgangssituation wird gezeigt, ein Problem tritt auf. Zweiter Akt: Das Problem verschärft sich, die Spannung steigt. Dritter Akt: Die Lösung wird präsentiert, der Konflikt löst sich auf. Diese Abfolge ist keine Formel, sondern eine bewährte dramaturgische Architektur.
Entscheidend ist der Wendepunkt – jener Moment, in dem klar wird: So geht es nicht weiter. Hier kippt die Erzählung. Die Lösung, die du anbietest, wird nicht einfach präsentiert, sondern inszeniert als logische, fast zwingende Konsequenz. Der ideale Ablauf eines Erklärvideos folgt genau dieser Logik: Problem, Verstärkung, Wendepunkt, Lösung, Ausblick.
Typen von Konflikten im Erklärvideo
Nicht jeder Konflikt funktioniert gleich. Im Videomarketing lassen sich unterschiedliche Konflikttypen unterscheiden. Der externe Konflikt stellt eine Herausforderung von außen dar – etwa Zeitdruck, Wettbewerb, regulatorische Hürden. Der interne Konflikt zeigt innere Widerstände: Unsicherheit, Überforderung, fehlende Kompetenz.
Ein dritter Typ ist der systemische Konflikt, bei dem nicht eine Person, sondern ein Prozess oder eine Struktur das Problem darstellt. Gerade in B2B-Erklärvideos spielt dieser Typ eine zentrale Rolle. Wenn du beispielsweise eine Softwarelösung für komplexe Datenmanagement-Prozesse anbietest, ist der Konflikt nicht das Versagen einer Person, sondern die Ineffizienz des bestehenden Systems. Die Lösung wird dann nicht als Rettung, sondern als strukturelle Verbesserung präsentiert.
Visuelle Inszenierung von Spannung
Konflikte müssen nicht nur erzählt, sondern auch visuell übersetzt werden. Dabei helfen bewährte filmische Mittel: enge Bildausschnitte für Druck, weite für Orientierungslosigkeit. Farbdramatik – etwa der Wechsel von Grautönen zu lebendigen Farben nach der Lösung – verstärkt die emotionale Botschaft. Auch Musik und Sounddesign tragen zur Spannungskurve bei.
In der Visualisierung von Storytelling wird der Konflikt häufig durch Kontraste dargestellt: chaotische vs. geordnete Elemente, statische vs. dynamische Bewegungen. Die visuelle Ebene arbeitet parallel zur narrativen – und verdoppelt so die Wirkung. Gute Erklärvideos zeigen den Konflikt nicht nur, sie lassen ihn spüren.
Die Gefahr der Überdramatisierung
Es gibt eine Grenze zwischen Spannung und Kitsch. Wer den Konflikt zu dick aufträgt, verliert Glaubwürdigkeit. Gerade im B2B-Bereich wirken übertriebene Dramen deplatziert. Die Elemente von Storytelling betonen, dass Authentizität wichtiger ist als Effekt. Ein kleiner, präzise benannter Konflikt ist wirkungsvoller als eine konstruierte Katastrophe.
Die Lösung muss zudem realistisch bleiben. Wenn das Problem existenziell inszeniert wird, die Lösung aber banal erscheint, entsteht Dissonanz. Der Zuschauer fühlt sich manipuliert. Deshalb gilt: Die Intensität des Konflikts muss zur Tragweite der Lösung passen. Ein Erklärvideo ist keine Hollywood-Produktion, sondern ein kommunikatives Werkzeug.
Lösungen emotional verankern
Die Auflösung des Konflikts ist der Moment, in dem sich das Video auszahlt. Hier entscheidet sich, ob der Zuschauer nur verstanden hat – oder ob er handeln will. Eine gute Lösung wird nicht als Produktfeature präsentiert, sondern als Transformation. Aus dem chaotischen Zustand wird Ordnung, aus Unsicherheit wird Kontrolle, aus Zeitverlust wird Effizienz.
Das Storytelling-Gebot Emotionen zeigt, dass rationale Argumente zwar überzeugen, aber emotionale Erlebnisse motivieren. Die Lösung sollte deshalb nicht nur erklärt, sondern erlebbar gemacht werden. Zeige den Vorher-Nachher-Effekt, lass eine Figur aufatmen, visualisiere das Ergebnis als neuen Normalzustand. Der Zuschauer soll nicht nur denken „Das macht Sinn", sondern „Das will ich auch".
Wendepunkte als narrative Hebel
Der Wendepunkt ist der dramaturgische Hebel, an dem die Geschichte kippt. Er markiert den Übergang vom Problemraum in den Lösungsraum. Im Erklärvideo kann dieser Moment unterschiedlich gestaltet werden: als plötzliche Erkenntnis, als externe Intervention, als innere Entscheidung. Entscheidend ist, dass der Wendepunkt glaubwürdig und nachvollziehbar ist.
Ein häufiger Fehler ist, den Wendepunkt zu überspringen. Das Video zeigt ein Problem und schneidet dann direkt zur Lösung. Die Spannung verpufft, weil die Transformation fehlt. Besser: Inszeniere den Moment der Veränderung bewusst. Nutze eine Pause, einen Schnitt, einen visuellen Akzent. Dieser Moment muss spürbar sein – sonst bleibt die Lösung blass.
FAQ: Häufige Fragen zu Konflikten und Lösungen in Erklärvideos
Muss jedes Erklärvideo einen Konflikt haben?
Nicht zwingend, aber empfehlenswert. Ohne Konflikt fehlt die emotionale Bindung. Selbst rein informative Videos profitieren von einer kleinen Störung oder Unklarheit, die aufgelöst wird.
Wie lang sollte die Konfliktphase dauern?
In einem 90-Sekunden-Video sollten die ersten 20–30 Sekunden dem Konflikt gehören. Zu lang, und der Zuschauer verliert die Geduld. Zu kurz, und die Lösung wirkt beliebig.
Kann ein Erklärvideo mehrere Konflikte haben?
Ja, aber nur, wenn sie miteinander verbunden sind. Ein Hauptkonflikt mit Nebenkonflikten funktioniert. Mehrere unverbundene Probleme verwirren.
Was, wenn mein Produkt kein klares Problem löst?
Dann schaffe einen Kontrast: alt vs. neu, langsam vs. schnell, kompliziert vs. einfach. Auch Optimierung ist ein Konflikt – der Unterschied zwischen „es geht" und „es geht besser".
Wie vermeide ich Kitsch?
Bleib konkret. Nutze echte Szenarien statt generischer Bilder. Zeige das Problem, ohne es zu übertreiben. Lass die Lösung für sich sprechen, statt sie zu glorifizieren.
Funktioniert das auch in technischen B2B-Videos?
Absolut. Gerade komplexe Themen profitieren von klarer Dramaturgie. Der Konflikt kann ein ineffizienter Prozess, ein Sicherheitsrisiko oder ein Datenverlust sein. Die Lösung ist dann keine Emotion, sondern Effizienz.
Schlussbild: Spannung als Währung
Ein Erklärvideo ohne Konflikt ist wie eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Die Rolle von Konflikten und Lösungen ist nicht Dekoration, sondern Fundament. Wer versteht, wie Spannung entsteht und wie sie sich auflöst, kontrolliert die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Der Wendepunkt ist keine Technik, sondern ein Versprechen: Dass sich das Zuschauen lohnt. Dass es eine Antwort gibt. Dass Veränderung möglich ist.




































































































